Praxisbeispiele

 

EX-IN Jobportraits

Hier lesen Sie zwei Jobportraits von EX-INlern, die uns freundlicherweise von Frau Joel und Herrn Zaludek sowie dem IdEE-Verein (Inklusion durch Experten aus Erfahrung) zur Verfügung gestellt wurden.

Unsere EX-IN Pressestelle freut sich über weitere Beiträge von berufstätigen EX-IN Erfahrungsexperten!

Sabine Joel

Ist bei der Malteser Johanniter Johanneshaus gemeinnützig GmbH als EX-IN Fachkraft festangestellt.

imageSabine Joel hat den EX-IN Kurs in Köln im Februar 2011 abgeschlossen. Ihr Praktikum leistete sie im Johanneshaus Siegburg, einem Wohnheim für psychisch kranke Menschen. Inzwischen ist sie bei der Malteser Johanniter Johanneshaus gemeinnützig GmbH als EX-IN Fachkraft festangestellt.

Eigentlich sollte mein Praktikum nur drei Wochen dauern. Als ich merkte, wie viel Freude mir die Arbeit im Johanneshaus Siegburg machte, verlängerte ich meinen Praktikumsvertrag wieder und wieder. Am Ende kam ich auf 11 Monate, in denen ich jeweils rund 30 Wochenstunden im Einsatz war.

Während meines Langzeitpraktikums waren die EX-IN Module überaus hilfreich und wichtig. Ich lernte eine völlig neue Sichtweise auf meine Krankheit kennen, mein Selbstbewusstsein wuchs, und ich bekam zunehmend einen Eindruck davon wie sich Recovery anfühlt. Der Austausch mit den anderen Kursteilnehmern wurde für mich zur wichtigsten Quelle von Empowerment.

In meinem Arbeitsteam im Johanneshaus fühle ich mich sehr wohl. Ich wurde von Beginn an in allen Bereichen voll integriert und genieße damals wie heute die absolute Rückendeckung durch die Geschäftsleitung. Sicher habe ich auch davon profitiert, dass bereits eine weitere EX-INlerin bei uns im Verbund arbeitet. Die Akzeptanz meiner eigenen und besonderen EX-IN Sichtweise als Betroffene ist für mich Grundvoraussetzung dafür, dass ich überhaupt eine Mittlerfunktion zwischen Profis und Klienten wahrnehmen kann.

In der Praxis sieht es dann so aus: In unserem Haus bin ich ständige Ansprechpartnerin für die Bewohner. Ich überlege, auf welchem Wege wir gemeinsam inneren Stress abbauen können. Ich helfe bei der Erledigung von alltäglichen Aufgaben. Ich versuche das Selbstbewusstsein der Klienten in einer Form zu stärken, dass sie wieder selbst mehr Verantwortung für sich und ihr Leben übernehmen können. Meine oberste Prämisse lautet dabei: so viel wie nötig, so wenig wie möglich.

Dabei freue ich mich immer riesig über jeden noch so bescheidenen Fortschritt bei unseren Klienten, schließlich sollte das Leben im Betreuten Wohnen nur eine Zwischenetappe im Leben eines Menschen sein.Oft bekomme ich von den Mitbewohnern Sätze zu hören wie: „Ihnen kann ich es ja sagen!“ oder „Wir sind ja unter uns!“ Ich empfinde das als großes Kompliment und Vertrauensbeweis. Die Bewohner wissen einfach, ich kann mehr als andere nachvollziehen und nachempfinden, schlicht, weil ich selbst die gleichen Symptome oder ähnliche Probleme mit Ärzten, Behörden oder der Familie hatte.

Mein EX-IN Kurswissen kann ich bei meiner täglichen Arbeit direkt umsetzen, wenn ich in unserem Selbsthilfekursen Inhalte aus den Modulen Salutogenese, Empowerment und Recovery aufgreife und variiere. Genau wie innerhalb der EX-IN Kurse funktionieren diese Methoden hervorragend, um auch bei unseren Bewohnern einen neuen Blick auf das Selbst zu entdecken und die Gemeinschaft im Wohnheim zu stärken.

Wichtig ist mir selbst darüber hinaus auch die Arbeit und der Austausch mit anderen EX-INlern. Zusammen mit einer Kollegin aus dem Kurs haben wir Anfang des Jahres eine EX-IN-Kontaktstelle in Köln aufgebaut. Dort arbeiten wir beide ehrenamtlich, beraten , bündeln Kontakte, werden angefragt für Vorträge und entwickeln unsere Kurse als Genesungsbegleiter, die wir über unseren Verein anbieten möchten. Ich bin froh, dass auch diese Aktivitäten von der Geschäftsleitung der MJJ GmbH tatkräftig unterstützt und gefördert werden. So gibt es da jedenfalls keinerlei Reibungsverluste, sondern eigentlich nur Synergieeffekte.

Klaus Zaludek

Arbeitet als EX-IN Genesungsbegleiter beim BeWo-Anbieter Selwo in Köln.

imageDrei Vorstellungsgespräche und ein Gespräch zum Abklären der vertraglichen Bedingungen brauchte es unter dem Strich, ehe ich meine Stelle am 1. Oktober 2012 endlich antrat. Die ersten beiden Treffen liegen verhältnismäßig lange zurück. Etwa ein Jahr zuvor signalisierte mir Selwo erstmals, dass es dort eine Stelle für mich gäbe. Allerdings war mir der in Aussicht gestellte 400 Euro Job nicht genug, denn davon hätte ich definitiv nicht meine Lebenshaltungskosten bestreiten, geschweige denn einen Umzug von Kevelaer nach Köln finanzieren können.

Im Sommer dieses Jahres hat mir meine heutige Teamleiterin schließlich eine drei-Viertel-Stelle anbieten können, mit der Zusage, nach drei Monaten auf eine volle Stelle zu wechseln.

Mein letztes Vorstellungsgespräch hatte ich mit dem gesamten Team, in dem ich arbeiten sollte. Trotzdem ich mich vor vier Mitarbeitern präsentieren musste, fühlte ich keinerlei Anspannung. Alles passte für mich im Umgang miteinander. Ich konnte einfach nur ich selbst sein und musste mich nicht verstellen.

Von Anfang an habe ich mich bei Selwo willkommen und angenommen gefühlt. Am ersten Tag ist jeder Mitarbeiter, der mir über den Weg lief, auf mich zugekommen und hieß mir per Handschlag Willkommen.

Die Selwo-Mitarbeiterschaft besteht was die Qualifizierung angeht einerseits aus vom LVR anerkannten Fachkräften, andererseits aus Nichtfachkräften (ich nenne sie hier Begleitkräfte). Da ich keine Fachkraftanerkennung mitbringe, falle ich in den Tarif für Begleitkräfte, der zwar weit unterhalb dessen liegt, was ich als Elektroingenieur verdienen könnte. Aber der Satz liegt immerhin deutlich höher, als der für Pflegehelfer, der bei vielen anderen EX-INlern angesetzt wird.

Wichtig ist für mich hier immer auch die Perspektive zur persönlichen Weiterentwicklung. Ich würde gerne eine dreijährige berufsbegleitende Ausbildung zum „Biodanza“-Lehrer machen.  Biodanza ist brasilianisch und bedeutet: „Der Tanz des Lebens“. Mir selbst hat der Ausdruckstanz bei der Bewältigung meiner seelischen Krisen und der Aufarbeitung meines Störungsbildes immens geholfen. Und ich könnte mir gut vorstellen, dass ich auf diese Weise etwas an Menschen weitergeben kann, die selbst Schwierigkeiten damit haben, mit anderen oder mit sich selbst wieder in Kontakt zu kommen. Nachdem sich deren Erkrankung aufgrund von Distanzverletzungen oder Missbrauch entwickeln konnte, also sie die Erfahrung gemacht haben, dass Kontakt krank macht.

Und im Biodanza sehe ich die Möglichkeit für diese Menschen, die Erfahrung zu machen, dass Kontakt heilen kann.

Aber das ist im Moment noch Zukunftsmusik. Jetzt muss ich erst einmal richtig in meinem neuen Job ankommen.

Was die anderen vom Team von mir als EX-INler erwarten? Dass ich einen neuen Blickwinkel reinbringe und die „Profis“ in ihrer Betriebsamkeit auf blinde Flecken hinweise. Man könnte das als „reflektierte Klientensicht“ umschreiben. Ein Beispiel dazu: In einer Fallbesprechung war einmal von einem Klienten mit Alkoholproblematik die Rede, der keine Termine einhielt. In dieser Situation habe ich einfach nur den Gedankenanstoß gegeben, dass der Klient möglicherweise zu einer überhöhten Erwartungshaltung seines Umfeldes beitrage, weil er sich und anderen eben keine Schwäche eingestehen will. Auf diese Weise kam die Entscheidung des verantwortlichen Betreuers Für oder Wider „mehr Druck ausüben“ ja vielleicht auf einen unerwartet kritischen Prüfstand.

Ich bin bereits heute in die Betreuung von 17 Klienten eingebunden und komme derzeit auf 22 Fachleistungsstunden in der Woche. Ich bin in zwei Fällen der Bezugsbetreuer gegenüber Ämtern oder was das Aufsetzen des „Individuellen Hilfeplans“ angeht, den ich künftig auch schreiben werde. Das wird sich künftig noch auf bis zu sieben Fälle steigern.

Ein heikles Thema für alle EX-INler ist ja immer die Sprachkultur in einem Unternehmen von wegen „Du-Sie-Regelungen“. Bei meinem vorherigen Arbeitgeber haben sich alle geduzt. Mitarbeiter untereinander sowie Mitarbeiter die Klienten und umgekehrt. Das fand ich nicht ganz unproblematisch, weil die angebotene Nähe mitunter zur Distanzlosigkeit und emotionaler Übergriffigkeit geführt hat. Hier bei Selwo gibt es nun keine starre Regeln. Damit geht es mir gut, weil ich selbst Freiräume habe, um einen formal-angemessenen Umgang mit den Klienten auszuloten. Ganz konkret: Letztens hatte ich mit einer Klientin zu tun, die mir erzählte, dass ihr Familienname für sie eine Belastung darstelle, und mir auch schilderte wie sich die Problematik auswirkt. Ich schlug ihr daraufhin vor, sie mit Vornamen anzusprechen, ohne zum Du zu wechseln. Diesen Vorschlag von mir nahm die Klientin geradezu begeistert auf.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich bei Selwo explizit als EX-IN Genesungsbegleiter arbeiten darf. So eine Stelle habe ich lange gesucht. Ich meine damit, dass ich mit den Klienten über deren Leben und Krisen sprechen kann, indem ich zum Beispiel die „Timeline“ anwende, die wir bei EX-IN kennengelernt haben.

Natürlich muss ich mich gerade zu Anfang hier auch immer wieder gegenüber meinem Team erklären und glaubhaft machen, dass ich eben nicht aufdeckend arbeite. Mein Arbeitgeber ist nun einmal an die Leistungsvereinbarung mit dem LVR gebunden und darf definitiv nicht therapeutisch aufdeckend arbeiten.

Trotzdem kann es immer und überall passieren, dass beim Klienten durch was- auch-immer eine traumatische Erinnerung hochkommt. Sollte dies der Fall sein, ist es für mich ganz selbstverständlich, dass mein Team, ein Therapeut und/oder ein Arzt hinzugezogen wird. Empowerment in Form von Hilfe zur Selbsthilfe oder als Impuls zur Selbsterforschung ist und bleibt in gewisser Weise immer eine Gratwanderung.

Und ich betrachte mich als GenesungsBEGLEITER.

Nicht mehr und nicht weniger.

In gewisser Weise erkenne ich übrigens diese Haltung auch bei meinen Kollegen im Team wieder. Wir arbeiten mit und für Menschen, die wir nicht vorrangig als „krank“ definieren. Die Störungsbilder sind zwar da, aber stehen für uns in der täglichen Arbeit nicht im Vordergrund. Wir überlegen stattdessen, welche Unterstützung ein Klient braucht, um wieder selbstständig leben zu können. Wenn er dies erreicht hat und uns nicht länger braucht, dann ist das kein Verlust für uns.
Im Gegenteil. Genau dann haben wir unsere Arbeit richtig gemacht.